domenica 5 maggio 2013

Fernweh-Lektüre

Wie neulich schon erwähnt habe ich in den letzten Tagen dieses Buch gelesen und sehr schnell großes Fernweh bekommen:


Ich habe von Goodwin sehr angetan bereits ein paar seiner Istanbul-Krimis mit dem Eunuchen Yashim gelesen und hinten in der Bücher fand sich immer ein Verweis auf Goodwins Bericht über seine Wanderung von eben Danzig bis nach Istanbul aus dem Jahre 1990. Jetzt war ich ja auch hin und wieder in Europas Osten unterwegs (wenn auch nur in ein paar großen Städten mit Interrail 1996, 1997 an der Osteseeküste bis Kaliningrad und dann noch einmal in den frühen 00er Jahren in Sofia) und Istanbul auf dem Landweg lockt uns ja auch schon lange (miomarito war schon mal dort, mit dem Flugzeug, und fuhr dann auf einem gemieteten Roller weiter, ich aber noch nicht) - aber 1990 und zu Fuß - es hörte sich sehr interessant an.

Goodwin zieht zusammen mit seiner Freundin (und späteren Frau) sowie einem Freund ohne großartige Vorbereitungen (so sagt er zumindest) kurz nach seinem Studiumsende (Byzantistik in Cambridge - daher auch die Sehnsucht nach Istanbul, wo er - wenn man mal darüber nachdenkt komischerweise - aber noch nie war) von Danzig aus unter Vermeidung aller großen Städte über Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien bis nach Istanbul. Geschlafen wird abwechselnd in Scheunen, Hotels, bei Einheimischen, die die drei aufnehmen und tagsüber wird gewandert.

Zunächst war ich auch sehr begeistert, gerade der Teil über Polen gefiel mir sehr gut und ich wäre am liebsten gleich losgezogen. Interessant fand ich allerdings, dass Goddwin meiner Meinung nach komplett ohne Selbstreflexion auskommt, sei es was das Wandern und seinen ersten Blick hinter den ehemaligen eisernen Vorhang angeht, sei es, was es bedeutet als zumindest nicht gerade armer (klar ist so eine Reise damals relativ günstig gewesen, aber man muss es sich ja auch leisten können, einfach mal so fast ein halbes Jahr aussteigen zu können) Engländer durch diese Länder zu reisen. Er beschreibt die Länder und Menschen, erklärt die historischen Hintergründe (wobei die Deutschen überraschend gut wegkommen) und die derzeitige politischen Situationen (gerade in Rumänien, wo Ceaușescuerst knapp ein halbes Jahr vorher hingerichtet worden war und die Situation als eher unübersichtlich galt), aber ich hätte mir eben irgendwie etwas mehr gewünscht.

Schwierig wird es meiner Meinung nach als Goodwin Ungarn verlässt und sich nach Rumänien begibt. Rumänen wird durchweg negativ dargestellt, Goodwin beschließt schon in Ungarn sich hauptsächlich an die ungarischen Minderheit in Rumänien zu halten (oder die Siebenbürger Sachsen - Deutsche, fleißig, Kultur usw.), die Rumänen beschreibt er nur als Masse, die Tieren gleich in Erdhäusern wohnen, misstrauisch und verschlagen seien und zieht ständig vergleiche mit Indien (was, wie ich annehme, aus dem Mund eines Engländern nicht unbedingt ein Kompliment sein dürfte).
Er lobt die Europäische Geisteskultur der Polen, Tschechen/Slowaken und Ungarn, die die Rumänen einfach nicht verstehen würden und daher die Kultur der Ungarn und Siebenbürger Sachen zerstören wollten und eben auch immer noch keine Demokratie kennen würden. In einigen (Laien-)Rezensionen, die ich zu diesem Buch gelesen habe, wurde dies als erfrischend politischunkorrekter Stil bezeichnet, aber ich halte es für absolut indiskutable, solch negative Pauschalisierungen generell über ein Volk auszuschütten (und dann auch noch nach 3 Wochen, die man durchs Land gelaufen ist und nach Möglichkeit auch ja allen Kontakt mit "echten" Rumänen vermieden hat).
Dazu kommt, dass man heute, über 20 Jahre später, das ständige Lob des toleranten, kultivierten und weltoffenen Ungarns nicht mehr so ganz ohne Stirnrunzeln lesen kann. Sinti und Roma kommen übrigens relativ gut weg, werden allerdings durchgehend Zigeuner genannt und in zwei Gruppen eingeteilt, eine angeblich über den Norden eingewanderte, heller und fleißigere Gruppe und die eher faule, dunklere Gruppe aus dem Süde - geht eigentlich auch gar nicht.

Gegen Ende fällt das Buch auch in sofern ab, dass die Ankunft in Istanbul gar nicht mehr beschrieben wird, was für mich nicht nachvollziehbar ist, da der Autor zu Beginn von seiner großen Sehnsucht nach DER Stadt, seinem Traum, geschrieben hat und wie er sich deshalb eben langsam und auf dem Landweg nähern will. Da hätte ich eindeutig mehr erwartet. Es gibt auch keine zusammenfassende oder rückblickende Worte am Ende.

Das Buch ist trotzdem sehr interessant und es lohnt sich auf jeden Fall es zu lesen, denn man bekommt trotz allem ein Gefühl dafür wie es wohl war, so kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu Fuß durch diese Gebiete zu marschieren und ich konnte Goodwin bei vielen Sachen auch sehr gut verstehen, so zum Beispiel wenn man - als Mitteleuropäer (was man viellicht auch mal thematisieren hätten sollen) plötzlich das Gefühl hat, okay, ... irgendwie fühlt sich das jetzt nicht mehr nach - "unserem" -  Europa an (das ging mir 2002 in Sofia so, als ich nach ein paar Abbiegungen vom Hotel plötzlich vor einem Tanzbären stand, neben der Tagelöhnern mit ihren Seilen über der Schulter, oder die alten Frauen in Kaliningrad, die gebrauchte, bedruckte Plastiktüten aus dem Westen verkauften, oder - gar nicht im Osten - '96 in Griechenland, als ins Abteil der Schmalspureisenbahn auf der Peleponnes plötzlich auch noch ein orthodoxer Priester in Sutane samt Ziege einstieg und sich neben die Frauen mit den Hühnern quetschte ... )

Also, wie man sehen kann, mich hat das Buch sehr beschäftigt, ich habe es trotz allem nicht Beiseite legen können und freue mich dann auf nächsten Sommer, wenn wir - In schā'a llāh ;-) - nicht nach Istanbul, aber immerhin nach Danzig (oder so ...) fahren.

P.S.: Wer einen etwas verückteren und politisch weniger komplizierten Reisebericht lesen möchte, dem sei Tony Hawks: Mit dem Kühlschrank durch Irland empfohlen (auch schon etwas älter, aber so weit ich mich erinnern kann, habe ich Tränen gelacht).

7 commenti:

stadtfrau ha detto...

meine freundin ist 2011 auf dem landweg bis nach istanbul (bzw. letztendlich bis nach georgien gereist) und hat uns von unterwegs immer wieder postkartenberichte geschickt, die ich großartig fand. in istanbul war sie total verliebt und ist dann auch länger dort geblieben. ebenso bulgarien.
also ich werde ihr auf jeden fall von dem buch erzählen!

rumänien (siebenbürgen) kenne ich ja selber live, da merkt man als mitteleuropäer schon, wie verwöhnt man ist. aber das sind die hilfsbereitesten und gastfreundlichsten menschen!
und: haha - tolerante ungarn...?

IO ha detto...

Oh das hört sich toll an ... ich nehme mal an, sie hatte keine drei Kinder dabei ...?! Irgendwann aber!

Anonimo ha detto...

Weitere Fernwehförderungstipps:

Ein sehr toller Zu-Fuß-Reisebericht ist Berlin-Moskau von Wolfgang Büscher. ca. von 2003/2004

Er ist auch durch Amerika gelaufen "Hartland", und einmal um Deutschlands Grenzen "Deutschland - eine Reise".

Die ersten beiden geben ein dichtes aber auch äußerst individuelles Bild der durchreisten Länder, der getroffenen Menschen, der eigenen Lage - allein zu Fuß mit wenig Geld, auf sehr gastfreundliche und sehr mißtrauische Menschen stoßend - mit zahlreichen historischen Anekdoten. Sehr toll.

Das Deutschlandbuch fand ich eher mühsam, mag aber an mir gelegen haben.

Und Juli Zeh ist kurz nach dem Krieg mit ihrem Hund durch Bosnien gereist ("Die Stille ist ein Geräusch")- das war zwar weniger politisch als man vll. erwarten
könnte, aber dennoch sehr interessant.

LG
Die Toni

Anonimo ha detto...

Hmmm... ich habs jetzt einfach mal gebraucht bei a**zon bestellt. in gespannt, danke für den Ipp.

Grüße,

Britta

stadtfrau ha detto...

nein, ohne kinder natürlich ;) bzw. zu großen teilen überhaupt ganz allein. in georgien wurde sie krank und flog heim, dann ist sie mit nochmaligem zwischenstopp in istanbul nach nepal geflogen, wo sie noch über einen monat blieb. (also ursprünglich wollte sie bis nach nepal auf dem landweg.)

stadtfrau ha detto...

ha, "berlin-moskau" hab ich auch gelesen - ist mir nur nicht in erinnerung geblieben ;)

(was in dem zusammenhang vielleicht auch ganz interessant ist, ist "die sterbenden europäer" von karl-markus gauß.)

sandra ha detto...

danke fürdie ganzen Buchtips...warst Du eigentlich schon in Pole oder sit es das ersteMal , das Du hinwillst?